Digitaler Wandel braucht mehr als Veränderung

Wer zieht hier wen? Der Wandel ist für jeden Chef alternativlos

Geht es um die digitale Transformation unserer Unternehmen, sprechen wir meist von „Industrie 4.0“ und wie wir diese bewältigen können. Warum so viele darüber reden, aber keiner eine Lösung findet, liegt an einem grundlegenden Missverständnis. Während bei den letzten drei industriellen Revolutionen der Charakter einer „fundamentalen Veränderung“ erst im Nachhinein zugeschrieben wurde, haben wir die Industrie 4.0 selbst ausgerufen und uns zu ihren Experten bestimmt. Es wäre jedoch vermessen zu glauben, dass einige Wenige die Antworten auf eine Entwicklung kennen, deren Ende noch gar nicht abzusehen ist. Die Antworten auf die Herausforderungen der digitalen Transformation finden sich nicht in den Konzepten und Blaupausen, sondern in der unternehmenseigenen DNA. Wollen Unternehmen das Ende dieser Revolution noch erleben, müssen Sie den Weg dahin mit eigener Kraft bewältigen. Sie brauchen entschlossene Führungskräfte, motivierte Mitarbeiter und Raum für Kreativität. Vor allem aber müssen sie endlich anfangen, anstatt auf schlüsselfertige Lösungen zu warten.

Selbst in den entlegensten Winkeln der Republik hallen die zwei Worte durch die Unternehmensflure: Digitale Transformation. Die Tonlage schwankt zwischen Euphorie und blanker Angst. Alle suchen nach dem Lichtschalter in der Blackbox. Selbst in behäbigeren Branchen bleiben die Kassandrarufe nicht ungehört: Wandelt euch oder ihr werdet untergehen. Automobilhersteller suchen den Zusammenschluss innerhalb ihrer Industrie, um sich Tesla, Uber und Co. zu erwehren, der Einzelhandel kämpft mit Omnichannel-Marketing um die Gunst seiner Kunden. In den Konzernzentralen und Strategieabteilungen rauchen die Köpfe. Alle wollen den digitalen Wandel bestmöglich meistern. Man könnte auch sagen: Alle wollen überleben.

Die deutsche Wirtschaft krempelt die Arme hoch, sie lässt sich nicht unterbuttern im Kampf um die digitale Vormacht. Der Narrativ ist schön. Die Motivation ist lobenswert. Doch ist die Hemdsärmlichkeit meist mehr Symbolpolitik als ausgereifte Vision. Symbole sind eine wirkmächtige Beruhigungspille in aufgescheuchten Zeiten – nachhaltige Veränderung bewirken sie nicht.

Wir müssen uns wandeln. Das ist längst in den Köpfen angekommen. Der Status Quo ist unzureichend. Wer in Bewährtem verharrt, dem droht der Untergang. Das wissen wir. Es prangt in Hochglanzlettern auf Broschüren und Postern. Doch wie gelingt der Wandel?

Reflexhaft werden angestaubte Change Prozesse aus der Schublade gezogen – Prozesse, die kurz nach dem zweiten Weltkrieg erdacht worden sind und inzwischen das Rentenalter erreicht haben. Mit solchen Weisheiten lässt sich keine Zukunft gestalten. Der digitale Wandel lässt sich nicht top-down steuern, er lässt sich nicht mit Millionenbudgets an Kreativagenturen auslagern und er lässt sich auch nicht in Hinterzimmern beschließen. Glauben wir ernsthaft, dass wir so einen gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch wie die Digitalisierung mit einigen wenigen Menschen bewältigen können? Das wäre vermessen. Wir sind nicht die Treiber des Wandels, sondern wir sind seine Getriebenen. Digitaler Wandel funktioniert nur, wenn wir so viele Menschen wie möglich mitnehmen.

Innerhalb weniger Jahre haben Facebook, Twitter, YouTube und Instagram unsere behagliche Kommunikationswelt komplett auf den Kopf gestellt. Früher haben uns Massenmedien mit Informationen versorgt. Heute ist jeder Mensch mit einem Internetanschluss ein Massenmedium. Mein Freund Gunnar Bender (Director Public Policy, Amazon Deutschland) hat vor über fünf Jahren geschrieben: „Aus Massenmedien werden Medienmassen.“ Genauso ist es gekommen.

Der wichtigste Treiber ist nicht der technologische Fortschritt. Es sind die Menschen, die die Digitalisierung treiben. Sie geben der Technologie ihren Nutzen. Ein digitaler Vordenker auf der CEO-Position ist ein guter Anfang. Das Ziel muss aber lauten jeden Mitarbeiter zu einem digitalen Vordenker zu entwickeln, der sein Unternehmen repräsentiert und mitentwickelt. Wir müssen ihnen dafür Freiräume geben und sie teilhaben lassen. Damit aus Freiräumen kein Chaos entsteht, ist die Unternehmenskommunikation gefordert. Ihr fällt die Aufgabe zu, den digitalen Wandel zu moderieren und den Prozess so zu übersetzen, dass sich jeder Mitarbeiter mitgenommen und eingebunden fühlt.

Und jetzt? Wir müssen Strukturen öffnen und Silos aufbrechen. Wir müssen neue Formen des kollaborativen Miteinanders finden. Ideen müssen schneller pilotiert werden als verkrustete Strukturen dies zulassen. Teams müssen interdisziplinärer zusammengestellt werden als sie im Organigramm angeordnet sind. Mitarbeiter müssen Verantwortung übernehmen und Führungskräfte müssen Verantwortungen teilen. Vor allem aber müssen wir eines: Machen. Schnell machen. Fehler machen. Neu machen. Möglichst viele Menschen machen lassen. Die Antwort auf die digitale Transformation kann nur jeder selbst für sich finden.